16.05.2019

Stellungnahme zur Rechtssache C-55/18 – Urteil zur Zeiterfassung

Praxisfremdes Urteil zur Zeiterfassung

Eine Stellungnahme des MIPM-Inhabers und -Geschäftsführers Michael N. Rosenheimer.

In manchen Momenten bin ich mehr als froh, mich langsam aus dem aktiven Unternehmerleben verabschieden zu dürfen. Etwa dann, wenn Bürohengste meinen, ihren Kontrollwahn ausleben zu müssen und ein neues Bürokratiemonster schaffen.

Alle Arbeitgeber – alle! Ob Konzern mit mehreren tausend Mitarbeitern oder Mittelständler – werden laut Urteil in der Rechtssache C-55/18 dazu verpflichtet, in Zukunft „ein System einzurichten, mit dem die tägliche Arbeitszeit gemessen werden kann.“ Ich frage mich: Hat der Europäische Gerichtshof auch nur den Hauch einer Ahnung, was das in der Praxis bedeutet? In der heutigen Arbeitswelt ist dieses Vorgehen völlig kontraproduktiv und degradiert Menschen mit individuellen Bedürfnissen zu Objekten, zu reinen Arbeitsobjekten.

Lassen Sie mich darstellen, wie meine MIPM-Family in unserem Mammendorfer Institut für Physik und Medizin – äußerst erfolgreich! – arbeitet und was eine Stempeluhr bedeuten würde:

Wir bieten Vertrauensarbeitszeit ohne Kontrolle an. Dieses Vertrauen wird verspielt, wenn wir plötzlich sekundengenaue Arbeitszeiten aufzeichnen müssen. Zur Vertrauensarbeitszeit zählt auch Home-Office, sofern es die betrieblichen Abläufe zulassen. Wie soll ich denn meine Angestellten im Home-Office überwachen? Big brother lässt grüßen. Die Möglichkeit der Heimarbeit würde also grundsätzlich wegfallen.

Wir kommen hervorragend ohne Stechuhr oder sonstige Kontrollen aus. Wir alle profitieren von individuellen Arbeitszeitmodellen. So kommen etwa unsere IT-Experten an manchen Tagen erst gegen zehn oder sogar elf Uhr ins Haus. Dafür bleiben sie aber auch bis 21 Uhr oder sogar noch später. Und das selbstverständlich auf freiwilliger Basis und ohne jegliche Kontrolle.

In unserem Institut haben wir ein außergewöhnlich gutes Arbeitsklima. Dies resultiert nicht nur aus vielen verschiedenen Wunscharbeitszeiten. Für das Wohlfühlen in einem Unternehmen sind doch die zwischenmenschlichen Beziehungen immens wichtig! Der kurze Ratsch auf dem Gang, ein paar Minuten für ein Geburtstagsständchen und ein Stück Kuchen, eine Runde um den Block spazieren, um den Kopf freizubekommen – all das soll nach Willen des Europäischen Gerichtshofes wegfallen bzw. von der Arbeitszeit abgezogen werden? Ja soll ich denn allen eine Fußfessel verpassen?

Die Vorstellung, meine MIPM-Family derart gängeln zu müssen, ist mir ein Graus. Selbst überzeugte Nichtraucher dulden bei uns Rauchpausen unserer MitarbeiterInnen.  Diese rechne ich ihnen nicht auf die Arbeitszeit an. Wenn meine Raucher dieses Stück Freiheit in Form einer Zigarette brauchen, sollen sie es haben.

Jedes Mitglied der MIPM-Family soll auch sein Privatleben haben. Darauf lege ich großen Wert und fordere insbesondere das Management ausdrücklich dazu auf, an der eigenen Haustüre das Firmenhandy und/oder den Firmenlaptop abzuschalten. Niemand braucht in seiner Freizeit Firmenmails lesen! Wenn jedoch eine Mutter früher nach Hause geht, um ihre Kinder selbst ins Bett bringen zu können und sich dafür später noch einmal ins Firmensystem einloggt, so kann und soll sie das natürlich tun! So sind Familie und Beruf zu vereinbaren. Das Urteil der Europäischen Gerichtshofes vernichtet solche Arbeitszeitmodelle.

An der Entscheidung der Richter ärgert mich zudem maßlos, dass alle Unternehmer über einen Kamm geschoren werden. Unabhängig von der Unternehmensgröße, alle werden als gewissenlose Ausbeuter angenommen. Sehen die Richter denn nicht, welche Unterschiede es zwischen Großunternehmern und Mittelständlern gibt? Dieses Urteil stellt mich ja geradezu als Sklaventreiber dar!

Betriebsfremd, kontraproduktiv, unmenschlich. Nein, so möchte ich nicht mein Unternehmen führen müssen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Michael N. Rosenheimer

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